Anfang des Jahres bekommt unser Atom-Experte Reinhard Uhrig einen Anruf von Krone-Redakteur Christoph Matzl. Ein Baustatiker des Kernkraftwerks Mochovce in der Slowakei hat sich anonym gemeldet. Er hat Beweise für katastrophale Zustände auf der Baustelle und möchte die Öffentlichkeit warnen. Uhrig und Matzl machen sich sofort auf den Weg nach Bratislava um den Whistleblower zu treffen. Schon davor meldete sich ein weiterer Ingenieur aus Mochovce mit Bildmaterial, der in leitender Funktion das Chaos mitbekommen hat. Reinhard Uhrig ist begeistert. Endlich liegen Beweise für die Situation auf dem Tisch. Wir üben bereits seit 24 Jahren scharfe Kritik am Weiterbau der Reaktoren im Atomkraftwerk Mochovce in der Slowakei – nur 150 km von Wien entfernt. Seit 2008 ist die veraltete Technik und das damit zusammenhängende, unvermeidbare Sicherheitsrisiko Gegenstand von Protesten. Schritt für Schritt arbeiten wir nun daran, einen gefährlichen europäischen Bauskandal aufzudecken.

Erfahrene Bauexperten aus Mochovce als Whistleblower

Jene Ingenieure, die an die Öffentlichkeit gegangen sind, sind keine Atomkraftgegner. Sie haben bereits mehrfach an Baustellen für Atomkraftwerke mitgearbeitet. Sie kennen die Abläufe, die Struktur und vor allem die Sicherheitsbestimmungen. Trotz, oder gerade aufgrund ihrer Erfahrungen, waren sie von den Bedingungen in Mochovce 3/4 schockiert.

Aus Sicherheitsgründen muss der ursprüngliche Informant, ein 45 jähriger Bauingenieur, anonym bleiben. Erst im vergangenen Jahr wurde in der Slowakei ein Journalist ermordet, nachdem er Korruptionsfälle aufdeckte. Ein ähnliches Schicksal soll dem Vater von drei Kindern erspart bleiben. 

Ein weiterer Insider, Mario Zadra, scheut sich nicht vor der Öffentlichkeit. Er war als leitender Ingenieur in Mochovce angestellt. Insgesamt 62 Sicherheitsberichte zu gravierenden Mängeln hat er seinen Vorgesetzten übermittelt. Doch anstatt die Probleme zu beheben hat man Zadra gefeuert. Seine Gründlichkeit wurde ihm zum Verhängnis. Bevor er gehen musste, dokumentierte er noch die Vorgänge. Heute kann er Massen an Bild- und Videomaterial vorlegen, welche die chaotischen Zustände auf der Baustelle von Mochovce beweisen.

Gravierende Baumängel in Mochovce aufgedeckt

Einige Bilder aus Mochovce zeigen Fehler im Anschluss der Sanitärbereiche wie etwa Waschbecken, die fernab ihrer Abflüsse montiert wurden. Solche Aufnahmen sorgten bereits vor einem Jahr im Internet für Belustigung. Im atomaren Bereich ist die Situation jedoch sehr ernst. So wurden zum Beispiel unkontrollierte Bohrungen in die Hüllen des Schutzbereiches, die hermetischen Kammern (in der Grafik unten gelb markiert) vorgenommen. Diese hermetischen Kammern sollen austretende Strahlung kurzfristig aufhalten. Außerhalb davon gibt es im Bautyp von Mochovce 3 und 4 keinen weiteren Strahlenschutz (Containment). Durch die Bohrungen sollten eigentlich Befestigungen für Kabel montiert werden. Wegen verstärkenden Metallplatten konnte jedoch kein Metallsuchgerät an der Wand angesetzt werden. Die Bohrungen wurden also blind durchgeführt. Etwa 10.000 mal. Aufgrund dieser mangelnden Planung sorgen die Bohrlöcher nun für statische Instabilität. Im Falle einer gröberen Störung wie einer Explosion oder einem Erdbeben ist keinerlei Sicherheit mehr gewährleistet. Die Kammern würden einstürzen und die atomare Strahlung könnte ungehindert austreten.
Querschnitt des Reaktorgebäudes Mochovce 3
Der beteiligte Maschinenbau-Ingenieur Mario Zadra berichtet außerdem von brennenden Kabeln und brechenden Ventilen. Auf seinen Fotos zeichnet sich das Chaos ab. Kabelstränge ragen ungeordnet und ungesichert aus den Wänden. Rohre sind auf Knöchelhöhe quer durch den Raum verlegt. Es gibt offizielle Berichte, die Erneuerungen der Problemstellen dokumentieren sollen. Diese Erneuerungen haben jedoch in Wirklichkeit niemals stattgefunden. Die betroffenen Teile befinden sich noch immer im Einsatz. 

So sollte es nicht in einem Atomkraftwerk aussehen: Baumängel im AKW Mochovce Absurde Baumängel: Rohre sind auf Knöchelhöhe quer durch den Raum verlegt

Bestehende Mängel sind irreparabel

Aufgrund des veralteten Bautypus der Reaktoren sind die derzeitigen Probleme schlichtweg nicht behebbar. Der österreichische Reaktor-Experte Emmerich Seidelberger erklärt: „Veraltete Technologie auf den heutigen Stand von Technik und Wissenschaft zu bringen, ist da nicht möglich!“ Die einzige Möglichkeit das Kraftwerk sicher hochfahren zu können wäre ein kompletter Neubau. Eine direkte Investition in erneuerbare Energiequellen wäre sowohl kostengünstiger, als auch effizienter.

Ein weiteres Problem stellt der Standort des Kraftwerks dar. Direkt über dem Reaktor befindet sich eine Flugroute für Passagierflugzeuge nach Wien. Im Falle eines Absturzes besteht keinerlei Absicherung für das Gebäude. Auch Drohnen können problemlos über das Gelände geschickt werden. Zum Baustart des Kraftwerks waren solche Faktoren noch kein Thema. Aus heutiger Sicht bedeuten sie jedoch eine stark erhöhte Terrorgefahr.

Die italienische Baufirma und der Mochovce-Millionen-Vertrag

Warum die Bauarbeiten an Reaktor 3 und 4 unter den wahnsinnigen Bedingungen überhaupt stattfinden, lässt sich mit einem Blick hinter die Kulissen erklären. Wie „The Daily“ bereits 2010 berichtete, wurde eine italienisches Unternehmen von der slowakischen Regierung damit beauftragt, den Bau fertigzustellen – egal ob funktionstüchtig oder nicht. Diese Firma übernahm kurz zuvor im Zuge von Privatisierungen einen großen Teil des slowakischen Energieunternehmens Slovenske elektrarne, welches das Kraftwerk Mochovce betreibt. Es handelt sich bei dem Bauauftrag also um ein internes Spiel. Bei den hohen Summen, die von der Baustelle verschlungen werden, können sich alle Beteiligten ein Stück abschneiden. Auf Kosten der Umwelt und der Sicherheit aller angrenzenden Staaten und deren BewohnerInnen. 

Es muss dabei angemerkt werden, dass die beauftragte, italienische Firma noch nie zuvor an einem Atomkraftwerk gearbeitet hat. Mit den ursprünglichen Konstrukteuren der bisherigen Baustelle wurde auch nicht kooperiert. Stattdessen hat das Unternehmen andere Baufirmen hinzugezogen, die ebenfalls keine Erfahrung mit der Errichtung von Kernkraftwerken aufweisen konnten. Die slowenische Atomaufsichtsbehörde hat bei den Geschehnissen weggesehen. 

Baustopp von Mochovce 3/4 als einziger Ausweg

Wir fordern eine unabhängige Prüfung der Vorgänge auf der Baustelle der Reaktoren 3 und 4 in Mochovce und einen daraus resultierenden Baustopp. Unser Atom-Experte Reinhard Uhrig betont: „Die aufgedeckten Mängel müssen von transparenten, internationalen Kontrollstellen überprüft werden. Es darf nicht passieren, dass solche gravierenden Probleme unter den Tisch gekehrt werden.“ Darum ist es notwendig politischen Druck auf die slowakische Regierung auszuüben, damit diese die Situation in Mochovce nicht weiter verschleiern kann. Auch weitere Staaten müssen sich der Kritik anschließen, um die Sicherheit in Europa gewährleisten zu können. 

Bundeskanzler Sebastian Kurz muss sich jetzt dringend einzuschalten und – wie im Regierungsabkommen auf Seite 171 festgehalten – „Dem Neu- und Ausbau von Atomkraftwerken in Europa, insbesondere in den Nachbarländern, mit allen zur Verfügung stehenden politischen und rechtlichen Mitteln entgegenwirken“.

Jetzt Petition unterzeichnen

Wir verlangen die Offenlegung der Dokumentation der Bautätigkeiten und besonders der Erdbeben-Anpassung der Halterungen für Kabelstränge, Rohre und Dampferzeuger. Berechnungen und Tests müssen durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass die Widerstandsfähigkeit des Reaktor-Gebäudes und des Druckabbau-Turms im Fall von Wasserstoffexplosionen nicht durch die baulichen Veränderungen geschwächt wurde. Der Weiterbau muss sofort gestoppt werden und eine grenzüberschreitende UVP muss durchgeführt werden!