AKW Mochovce 3: Aufgedeckte Baumängel durch Whistleblower

Seit 1985 wird am Atomreaktor Mochovce 3 gebaut. Immer wieder kommt es dabei zu schweren Baufehlern. Mit Hilfe von acht Whistleblowern konnten wir viele davon aufdecken und an die Öffentlichkeit bringen.

2018 hat sich der erste Whistleblower an uns gewandt, um auf schwerwiegende Probleme während des Bauverfahrens aufmerksam zu machen. Mittlerweile bekommen wir von 8 verschiedenen Quellen schockierendes Material zum Kernkraftwerk Mochovce zugespielt. Wir haben regelmäßig über die gefährlichen Baufehler berichtet. Finden Sie hier nun alle aktuell aufgedeckten Probleme zum Bauprojekt und erfahren Sie, wer die Whistleblower sind

AKW Mochovce - Baumängel aufgedeckt

Aktuelle Baumängel beim AKW Mochovce 3

Es zeichnet sich ein wiederkehrendes Muster ab: 

  1. Schwere Baumängel werden aufgedeckt, oft von Whistleblowern und GLOBAL 2000  
  2. die Qualitätskontrollen des Betreiberkonzerns und der Atomaufsicht haben vorher versagt 
  3. der Betreiberkonzern macht nur Stichproben-Prüfungen der Baumängel und rechnet mit von ihm bezahlten Experten und Computermodellen das Problem klein 
  4. die Atomaufsicht genehmigt das Vorgehen

Dieses Vorgehen ist aus einer Ingenieurs-Perspektive unzulässig. Potenziell fehlerhafte Teile verbleiben im Kernbereich des Atomreaktors und können jederzeit versagen. Nach Ansicht der Ingenieure, die sich an GLOBAL 2000 gewandt haben, müssen selbstverständlich alle betroffenen Teile nach Sorgfaltspflicht lückenlos überprüft und gegebenenfalls ausgetauscht oder repariert werden.

Statik der hermetischen Kammern

Bohrarbeiten in den hermetischen KammernAb 2008 wurden bei der Erdbeben-Nachrüstung über 60.000 Löcher in die Wände der bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren gebauten hermetischen Kammern gebohrt. Diese sollen im Falle eines schweren Unfalls den Austritt von radioaktiven Stoffen aufhalten. Ein Baustatik-Ingenieur (Whistleblower 2, siehe Übersicht unten) bezeugt systematisch mangelhafte Bauausführung. Er spricht von unkontrollierten Bohrungen durch die Stahl-Verkleidungen der Betonwände. Hiervon liegen Foto-Belege vor. Außerdem wurden im Auftrag der Baufirmen Dokumente gefälscht.

Die slowakische Atomaufsicht ÚJD behauptet, dass die hermetischen Kammern dadurch nicht geschwächt wurden. 
In der Betriebserlaubnis argumentiert sie, dass man unter „Annahmen“ von „Kriterien“ durchgeführte „Berechnungen“ von „technischen Experten“ zu diesem Ergebnis kam.  Die ÚJD legt aber weder Annahmen noch Kriterien oder Berechnungen vor. 

Der „Beweis“ für die statische Belastbarkeit sei laut Atomaufsicht durch einen Überdruck-Test erfolgt. Der Druck war dabei aber so niedrig , dass ein tatsächlicher Riss der Hochdruck-Rohrleitung viel stärkere Auswirkungen haben könnte.

Rohrleitungen aus minderwertigem Material

Seit 2020 macht ein weitreichender Material-Fälschungs-Skandal der Betreibergesellschaft zu schaffen: Es wurden Rohrleitungen aus minderwertigem Stahl geliefert. In krimineller Absicht wurden Preise für hochwertiges Material, das nicht verwendet wurde, verrechnet. Diese Rohrleitungen wurden auch im Kernstück des Reaktors 3, im Primärkreislauf verbaut. 

Das Problem wird in der Betriebserlaubnis als gelöst dargestellt: 

  • Insgesamt seien 7962 Rohrleitungen analysiert worden
  • 3410 davon wären auf ihre chemischen Materialeigenschaften untersucht worden
  • dabei gibt es 61 Fälle von „Material-Konfusion“, also von minderwertigem Material, das in krimineller Absicht eingebaut wurde – und entdeckt wurde  
  • es wurden 293  „Abweichungen vom Standard“ entdeckt 
  • es wurden 12 Rohrleitungen ausgewechselt 
  • Die restlichen 4552 Rohrleitungen „wurden durch eine Computer-Bewertunganalysiert – ein Computer-Programm berechnet die Wahrscheinlichkeiten, ob hier ebenfalls minderwertiges Material eingesetzt worden sein könnte

Fazit der Atomaufsicht: „es kann mit absoluter Sicherheit davon ausgegangen werden“, dass keine weiteren Leitungen untersucht werden müssen („it can be assumed with complete confidence“). Anders als von der Behörde dargestellt sind in Mochovce 3 jedoch weit über 50.000 potenziell rostanfällige Rohrleitungen verbaut. Davon wurde nur ein sehr kleiner Teil – nicht einmal 7% – tatsächlich überprüft. Das Versagen von Druckrohren im nuklearen Betrieb könnte im schlimmsten Fall zu einem schweren Unfall führen.

Rost im Primärkreislauf aufgrund von Fehlern bei Inbetriebnahme-Testes im September 2021

Schweißnähte aus minderwertigem, nicht rostfreiem Material

Im Juni 2022 wurde bekannt, dass dutzende Schweißer minderwertiges Schweißmaterial an austenitischen Rohrleitungen verwendet haben. Die Schweißer wollten sich dadurch die Arbeit vereinfachen und haben bewusst kriminell agiert. 

Die von der Atomaufsicht zugelassene Stichproben-Überprüfung umfasst nur 6755 Schweißnähten in Reaktor 3. Eine derart geringe Überprüfung ist aber nicht ausreichend, um sämtliche Fälle von Materialschwächen vor Inbetriebnahme des Reaktors zu entdecken und zu reparieren. Alleine im Reaktor 4 wurden 32.000 Schweißnähte ausgetestet. Das soll dem in Geldnöten steckenden Betreiberkonzern ermöglichen, Reaktor 3 möglichst schnell ans Netz gehen zu lassen.

Rostige Schweißnaht aus minderwertigem Material

Ein von einem Ingenieur (Whistleblower 8) geleaktes Dokument belegt rostige Schweißnähte an Rohrleitungen, die weiterhin in Reaktor 3 installiert sind. Es beweist außerdem das Versagen der Qualitätskontrolle von Betreiberkonzern und der zuständigen slowakischen Atomaufsicht. Nach Aussage des Whistleblowers kommt es sogar zur Durchrostung von Schweißnähten an Rohrleitungen. GLOBAL 2000 zeigte auf Basis der geleakten Dokumente die kriminellen Machenschaften und das Versagen der Qualitätskontrolle bei der slowakischen Kriminalpolizei an. Bereits seit drei Jahren ermittelt sie wegen Korruption, Betrug und Datenfälschungen durch Top-Manager in Mochovce.

Notstrom-Dieselgeneratoren können jederzeit versagen

In Mochovce sind pro Reaktor drei Notstrom-Generatoren mit je 5068 PS in Stahlhallen aus den 1980er-Jahren installiert. Hergestellt wurden sie 1989 von der polnischen Maschinenfabrik Dolmel, also vor über 30 Jahren. Deren Nachfolger bestätigte per Mail von April 2018, dass die Maschinen zum Zeitpunkt der Überprüfung „elektrisch unsicher“ sind. Außerdem müssen sie generalüberholt werden, da die Isolationsschicht der Stator-Wicklung aufgrund der Alterung jederzeit ohne Vorwarnung versagen und einen Kurzschluss verursachen kann. Die Alterung sei noch stärker bei Generatoren, die nicht laufend in Betrieb waren. Da durch die Lagerung die Versprödung der Isolationsschicht schneller voranschreitet. 

Ein Mitglied des Fachausschusses „Rotierende elektrische Maschinen“ des Österreichischen Verbands für Elektrotechnik bestätigte, dass „die Isolationsfähigkeit nicht gegeben“ ist. Er rät daher dringlich zu einer Überprüfung und Generalüberholung. GLOBAL 2000 liegen die Mess-Daten der in Mochovce installierten Generatoren vor. 

Fotos (von Whistleblower 3) zeigen, wie einer der Generatoren unzureichend abgedeckt, mit offenen Löchern in der Stahldecke der Halle, mitten in einer Wasserpfütze steht.

Verpuffung bei Tests eines Notstrom-Dieselgenerators im Herbst 2018

GLOBAL 2000 wurden von einem Mochovce-Ingenieur (Whistleblower 5) Videos zugespielt, die mehrere Kurzschlüsse eines der Dieselgeneratoren im Herbst 2018 zeigen. Es sind explosive Verpuffungen zu sehen, bei denen Teile durch den Raum geschleudert werden. GLOBAL 2000 hat den Zwischenfall am Dieselgenerator analysiert.​

Flugzeugabsturz-Schutzvorrichtungen

Das in Mochovce verwendete Reaktordesign aus den 1970er-Jahren bietet keinen Schutz vor dem Absturz von Verkehrsflugzeugen. Ein möglicher Unfall oder ein Terrorakt wurde in die Risikoplanung nicht miteinbezogen. Die Europäische Kommission forderte Nachrüstungen, um zumindest den Schutz gegen kleine Verkehrsmaschinen zu gewährleisten.

Die von einem Ingenieur (Whistleblower 7) zugespielten Pläne, Fotos und Schadensberichte zeigen, dass die ohnehin zu schwach und nur auf höchstens den Absturz eines kleinen Sportflugzeugs ausgelegten Barrieren teilweise vergessen wurden. Stahlnetze sind außerdem mit minderwertigem Material gebaut, sodass sie bereits jetzt stark verrostet sind.

Falsch installierte und zu schwache Netze zum Schutz vor Flugzeuf-Abstürzen

Erst nach der Aufdeckung durch GLOBAL 2000 im November 2021 wurde der Betreiberkonzern aktiv. Er ordnete hastig die Errichtung der fehlenden Barrieren an. Der Reaktor ist aber weiterhin nicht vor dem Absturz eines üblichen Verkehrsflugzeuges geschützt. Das, obwohl Flugzeuge wie die Boeing 737 täglich dutzende Mal über den Reaktor fliegen.

Überblick der Whistleblower vom Bauprojekt AKW Mochovce 

Seit 2018 haben sich laufend Whistleblower an GLOBAL 2000 gewandt, um über die Missstände aufzuklären. Es handelt sich um ehemalige, aber auch aktive Ingenieure und Arbeiter, die uns regelmäßig Material zuspielen. Maßgebend war die internationale Medienberichterstattung über technische Probleme und Korruptionsfälle beim Weiterbau des slowakischen AKW Mochovce 3 und 4. Die Bedenken über die Bauausführung, über das Management durch Slovenské elektrárne und deren Subunternehmer motivierte die am Projekt beteiligten Arbeiter, die Informationen zu leaken. Vor allem die weiterhin mangelhafte Kontrolle durch die slowakische Atomaufsicht ÚJD hat das Fass zum Überlauf gebracht. Mittlerweile ist GLOBAL 2000 mit acht verschiedenen Whistleblowern in regelmäßigem Kontakt. 

Dokumente und  Foto-Belege dienten zur Aufdeckung von:

  • vergangenen Problemen, die mittlerweile gelöst wurden
  • dem aktuellen Zustand des Bau-Projekts (bis inklusive September 2022) 
  • dem ungenügenden Zustand der Bauleitung, die die verschiedenen Gewerke der Baustelle nicht unter Kontrolle hat
  • die schwerwiegenden Probleme bei den Inbetriebnahme-Tests von Reaktor 3 (Schweißnähte, Signalkabel, Notstrom-Dieselgeneratoren, Kühltürme, Rohrleitungen) 

​Whistleblower 1: Mario Zadra

Der Maschinenbau-Ingenieur hat jahrzehntelange Erfahrung im Bau und Betrieb von Atomkraftwerken weltweit. Er hat mehrere Jahre (bis April 2018) auf der Mochovce-Baustelle gearbeitet. Zadra hat dort gegenüber seinen Vorgesetzten auf Baufehler hingewiesen. Vor allem fehlende Qualitätskontrollen und Missmanagement brachte er immer wieder zur Sprache. Im Bereich der Kühltürme und Notstrom-Dieselgeneratoren spielte uns Zadra zahlreiche Informationen zu. Aufgrund seiner Warnungen an das Management  verlor er seinen Job in Mochovce und arbeitet jetzt in Großbritannien. Mario Zadra steht für Gespräche zur Verfügung.

Whistleblower 2: Statik-Ingenieur (anonym)

Der Ingenieur hat mehrere Jahre auf der Mochovce-Baustelle gearbeitet. Er möchte anonym bleiben aus Sorge um seinen Job und Sicherheit der Familie.
Informationen zur systemisch mangelhaften Bauausführung  sowie zur Fälschung von Dokumenten in Auftrag der bauleitenden Firmen wurden von ihm vorgelegt.  Außerdem belegte er durch Fotos die Bohrungen durch die Stahl-Verkleidungen der Betonwände der hermetischen Kammern, hiervon liegen Foto-Belege vor.

Whistleblower 3: Arbeitsinspektor (anonym)

Der Arbeitsinspektor hat bis Anfang 2019 auf der Mochovce-Baustelle gearbeitet. Auch er möchte anonym bleiben aus Sorge vor Verfolgung durch die Betreibergesellschaft. 
Der Whistleblower bezeugt mit mehreren hundert Fotografien und Videos chaotische Arbeitsbedingungen. Auch Beweise zu laxen Arbeitskontrollen und Management-Versagen bis hinauf zum Top-Management konnte er vorlegen. 

„Alles, was es dort gibt, ist ein Problem. Ob Dokumentation, Gerüst, Bau, Leitungen, alles ist falsch oder kaputt oder alt.“

Whistleblower 4: Arbeiter (anonym) 

Der Whistleblower arbeitete 2019 auf der Baustelle und lieferte Informationen zu Problemen mit Ventilen.

„the conventional island is a mess. Profi Steel has a contract for fixing it until February [2020] […] it won’t be ready by February”

Whistleblower 5: Ingenieur (anonym)

Der Ingenieur lieferte Informationen zu den Problemen mit den Notstrom-Dieselgeneratoren. Auch die Videos von explosiven Verpuffungen bei Testläufen im Herbst 2018 gehen auf ihn zurück. Das Material wurde von Mario Zadra überprüft und bestätigt.

Whistleblower 6: Ingenieur (anonym)

Der Ingenieur arbeitete 2019 auf der Baustelle. Am 7.12.19 ließ er uns eine E-Mail zu den Problemen mit den falsch verlegten Signalkabeln und den zu schwach ausgelegten Wannen der Kühltürme zukommen.

„Ich poste einen Link zu einer durchgesickerten Zusammenfassung der Probleme von AKW Mochovce34 [vierseitiges Dokument, nicht mehr online, liegt GLOBAL 2000 vor]. Es besteht der ernsthafte Verdacht einer Gefährdung der nuklearen Sicherheit. […] Die Verkabelung des gesamten Kraftwerks ist unbefriedigend. Während des Pumpentests wurden die Kühltürme weitgehend zerstört. Die Elektronik und das Gehirn des gesamten Kraftwerks funktionieren nicht. Hunderte von falschen elektrischen Signalen. Leitungssysteme werden durch unsachgemäßen Betrieb zerstört. Schweißverbindungen an Rohren sind rostig und unbefriedigend. Das Management von Slovenské elektrárne ist im Begriff, die Bevölkerung zu gefährden.“

Whistleblower 7: Atomingenieur (anonym)

Der Atomingenieur arbeitet aktuell (November 2022) am Projekt. Er lieferte Informationen zur fehlenden oder falschen Installation von Flugzeugabsturz-Schutzvorrichtungen. Dabei machte er auf die zu schwache Dimensionierung aufmerksam, um die tatsächlichen Folgen eines Absturzes aufzuhalten. 

Whistleblower 8: Atomingenieur (anonym)

Auch ein weiterer Atomingenieur, der als Whistleblower agiert, arbeitet aktuell (November 2022) am Projekt. Er stellte Informationen zu minderwertigen Rohrleitungen zu Verfügung. Deren mangelnde Qualität war dem Slovenské elektrárne-Management zu dem Zeitpunkt bereits seit Jahren bekannt. Außerdem ließ er uns Material zu den mangelhaften Schweißnähten zukommen

Wir fordern den Bau-Stopp vom AKW Mochovce Reaktor 3! 

Mit Hilfe der Whistleblower konnten viele der Baummängel und Probleme des Reaktor 3 in Mochovce aufgedeckt werden. Wir sind weiterhin mit den Informanten in Kontakt und halten Sie am Laufenden. 

Mit Ihrer Spende ist es möglich:

  • die Informationen und Material kritisch aufzuarbeiten und zu untersuchen
  • Druck bei der Atomaufsichtsbehörde zu machen und sie wegen Nicht-Handeln bei der slowakischen Kriminalpolizei anzuzeigen
  • den Zusammenschluss der europäischen Atomaufsichtsbehörden und die EU-Kommission auf die Vorfälle aufmerksam zu machen
  • Eigenständig Untersuchungen zu tätigen
  • Klagen einzureichen und mit unseren slowakischen Partner:innen vor Gericht zu ziehen