Neuigkeit, 07.06.2019

Whistleblower: AKW Mochovce 3 - Baustelle außer Kontrolle

Fotos von Informant:innen belegen unfassbare Mängel auf der Baustelle im AKW Mochovce 3. 

Beim jährlichen Treffen der europäischen Atomaufsichten der European Nuclear Safety Regulators Group (ENSREG) in Brüssel konfrontierten unsere Campaigner:innen Patricia Lorenz und Reinhard Uhrig die Chefin der slowakischen Atomaufsicht UJD, Marta Žiaková.  Neue Foto- und Video-Beweise zum katastrophalen Zustand der Reaktor-Baustelle im slowakischen Mochovce zeigen das Versagen der Kontrollfunktion der slowakischen Behörde.

Wir fordern den sofortigen Baustopp von AKW Mochovce 3! Solange die angekündigten internationalen Prüf-Missionen der World Association of Nuclear Operators und der Internationalen Atomenergie-Organisation nicht durchgeführt werden, darf der Bau nicht weiter geführt werden. Diese Prüfungen müssen gründlich, transparent und unter Einbeziehung von kritischen Ingenieur:innen durchgeführt werden. Dadurch soll das Unter-den-Teppich-Kehren von großen Problemen verhindert werden.

Seit Jahren ist der Weiterbau des Projekts außer Kontrolle geraten:

Im Oktober 2018 werden bei einem geleakten Bericht erstmals grobe Sicherheitsmängel bekannt

Im April 2019 werden gravierende Baumängel durch Whistleblower aufgedeckt

Neue Belege von weiteren Informanten

Aufgrund der Diskussion und Medienberichterstattung in der Slowakei haben sich mehrere weitere Manager und Ingenieure des Projekts an uns gewandt.

Die neuen Informationen und Foto-Belege betreffen den aktuellen Zustand des Projekts (Jänner / März 2019). Sowohl der weiterhin ungenügenden Zustand der Bauleitung, die die verschiedenen Gewerke der Baustelle nicht unter Kontrolle hat, als auch schwerwiegende Probleme bei den aktuellen Inbetriebnahme-Tests (hot hydro tests) von Reaktor 3, die laut einem weiteren Informanten in dieser Phase nicht auftreten dürften, sind davon betroffen. So brachen Ventile im Primärkreislauf, die laut Papieren zwar erneuert worden waren, vermutlich aber alte, unerneuerte Bauteile waren. Dies wurde schon von Whistleblower Mario Zadra im April für viele Bauteile dokumentiert.

Fotobelege aktueller Probleme auf der Baustelle

Neue Foto von einem dritten Whistleblower (der aus Sicherheitsgründen anonym bleibt), der bis Frühling 2019 als Manager in Reaktor 3 tätig war, zeigen neben neuen ernsten Mängeln auch dass die Probleme von denen Mario Zadra schon 2017/2018 berichtet hatte, noch immer nicht behoben sind. Dieser Whistleblower hat uns über 650 Fotos und Video zugespielt, eine Auswahl daraus finden Sie hier:

Gravierende Risse im Stiegenhaus neben der Turbinenhalle (06.12.2018)
Gestauchter Träger neben der Turbinenhalle (10.01.2019)

Nachfolgend sehen Sie ein Foto von Kabelsträngen. Neben der unordentlichen Anordnung der Kabel ist klar zu erkennen, dass das grüne Kabel zu kurz ist. Dieses chaotische Montage der elektrischen Kabel, ohne an Erhitzung / Kühlung zu denken, wird in Zukunft für viele Probleme sorgen. Vom technischen Standpunkt sollten die Kabel neu verlegt werden, denn dieser Zustand ist ernster als es scheint. Um eine Laufzeit von 40 Jahren garantieren zu können, müssen die Kabel eine Überlänge an beiden Enden aufweisen. Damit soll im Falle von Alterung oder Versagen die Wiederherstellung der Verbindungen gewährleist sein.

Das grüne Kabel ist eindeutig zu kurz (01.12.2018)

Auch die nachfolgenden Bilder zeigen die Zustände auf der Baustelle. So wurde beispielsweise ein Baugerüst auf Rohrleitungen montiert, die Decke des Gebäudes in dem der Notfall-Diesel-Generator steht hat ein Loch, durch das Regenwasser eindringen kann und die Kabelkanäle wurden teilweise nicht geschlossen, sodass sich hier Wasser in den Hohlräumen unterhalb der Kabel gesammelt hat.

Mochovce 3: Ein Baugerüst wird auf Rohren abgestützt
Mochovce 3: In der Decke des Gebäudes mit dem Notfall-Diesel-Generator befindet sich ein Loch

Mochovce 3: Wasser unterhalb des Kabelkanals

Update 3.11.2021

Pfusch am Bau nimmt kein Ende

Am 3. November wurde uns erneut on schweren technischen Fehlern auf der Baustelle berichtet: Zur Fixierung der Fangnetze wurden tausende zu kleine Stahlklammern verwendet. Die drücken nun in die Stahlseile und sind schon jetzt beschädigt. Selbst die viel zu schwach dimensionierten Netze sind schon vor Betriebsbeginn beschädigt und müssen ausgetauscht werden. Zusätzlich sind die Stahlnetze aufgrund von minderwertigem Material teilweise auch schon verrostet, wie aktuelle Fotobelege beweisen.

Drückende Stahlseile und Rost im AKW Mochovce
Rostiges Material im AKW Mochovce

Zusätzliche Barrieren „vergessen“

Als wäre das alles nicht schon beunruhigend genug, wurden zusätzliche Barrieren einfach „vergessen“. Laut den vorliegenden Konstruktionsplänen sollen zusätzliche Barrieren zwischen den Reaktorblöcken installiert werden, um die unterirdisch verlaufenden Strom- und Steuerkabelkanäle vor herabfallenden Trümmern zu schützen. Diese Kabelkanäle verbinden die Notstrom-Dieselgeneratoren mit der Kühlung des Atomkraftwerks, die im Notfall eine Kernschmelze verhindern soll. 

Auf den aktuellen Baustellen-Fotos der Insider sucht man diese Zusatz-Barrieren aber vergebens, sie wurden schlichtweg „vergessen“. Dies fiel nichtmal der slowakischen Atomaufsicht auf. 

Wir verlangen Transparenz:

Die volle Dokumentation insbesondere der seismischen Ertüchtigung der Ankerplatten muss offengelegt werden. Berechnungen und Tests müssen durchgeführt werden um sicherzustellen, dass die Widerstandsfähigkeit gegen Erdbeben und im Fall von Wasserstoffexplosionen nicht durch die baulichen Veränderungen beeinträchtigt wurde. Dazu ist auf der politischen Ebene die österreichische Bundesregierung aufgefordert, den Kampf gegen die fahrlässige Inbetriebnahme weiterzuführen. Damit erstmals seit 40 Jahren die Inbetriebnahme eines besonders problematischen Atomreaktors verhindert wird.

Sehen Sie im folgenden Dokument weitere Bilder der Zustände auf der Baustelle: Aktuelle Probleme in Mochovce 3 (englisch)