AKW Mochovce

Im Atomkraftwerk Mochovce werden zwei „neue“ Reaktoren gebaut - mit veralteter Technik aus den 70er- Jahren. Das AKW liegt nur 100 km vor unserer Grenze, Reaktor 3 soll im zweiten Quartal 2020 in Betrieb gehen.

In den 70er-Jahren entschloss sich die damals noch kommunistische Tschechoslowakei zum Bau von vier Atomreaktoren des alten sowjetischen Typs WWER 440/213 nahe der slowakischen Ortschaft Mochovce. Baubeginn für die knapp hundert Kilometer von Österreich entfernten Reaktoren war bereits 1985. Nach der Wende wurde der Bau der teilfertiggestellten Anlagen 1993 aus marktwirtschaftlichen Gründen eingestellt. Nach Unterbrechungen im Bau nahmen dann 1998 und 1999 zwei Reaktoren ihren kommerziellen Betrieb auf. Die Blöcke 3 und 4 blieben als Bauruinen stehen.

Angaben zum Reaktor sowie Zwischenfälle und Störfälle des AKW Mochovce finden Sie hier: Atomkraft in der Slowakei

Reaktoren aus den 70ern für das 21. Jahrhundert?

2008 wurde dann der Weiterbau der mittlerweile völlig veralteten, eingemotteten Reaktoren 3 und 4 beschlossen. Die Fertigstellung verzögert sich mittlerweile seit vielen Jahren, denn geplant war die Inbetriebnahme für 2012. Die Kosten explodierten aufgrund von massivem Missmanagement von ursprünglich vorgesehenen Investitionen in der Höhe von 2,78 Milliarden Euro auf zuletzt erwartete 5,7 Milliarden Euro. Laut InformantInnen kommt es immer wieder zu technischen Problemen und Unfällen auf der Baustelle, im Jahr 2015 starb ein Arbeiter.

Die alten Reaktoren sind nicht auf dem Stand der heutigen Technik: ein Volldruck-Containment, das im Falle einer Kernschmelze den Austritt von großen Mengen radioaktiver Stoffe aufhalten könnte, fehlt, die Erdbeben-Auslegung der Anlage ist ebenso unzureichend wie der Schutz beim Absturz von großen Flugzeugen sowie vor terroristischen Angriffen. Eine entsprechende sicherheitstechnische Nachrüstung der Anlagen ist schwierig bis unmöglich, die zusätzliche vorzeitige Alterung der über 16.000, in den 1990er Jahren eingemotteten, Anlagenteile macht die "neuen" Reaktoren 3 und 4 noch problematischer. Doch die geplante Inbetriebnahme des Reaktor 3 soll bereits im zweiten Quartal 2020 stattfinden.

AKW Mochovce nur 100 km von der österreichischen Grenze

Das Atomkraftwerk Mochovce liegt nur 100 km von der österreichischen Grenze entfernt - im Falle eines schweren Störfalls oder Unfalls kennt Radioaktivität ohnehin keine Grenzen. GLOBAL 2000 intervenierte bei der EU-Kommission, protestierte mit Aktionen und klagte gemeinsam mit anderen Organisationen vor dem slowakischen Verwaltungsgerichtshof gegen dieses Vorgehen. Mit Studien konnten wir belegen, dass Österreich ein Recht auf eine UVP hat. Nach massiven Protesten von GLOBAL 2000 und anderen Organisationen stieg die Erste Bank aus der Finanzierung des AKW Mochovce aus. 2010 schloss die Slowakei einseitig das laufende Umweltverträglichkeitsprüfungsverfahren zu Mochovce 3 und 4 ab, ohne die von Österreich eingebrachten Sicherheitsfragen vollständig zu beantworten. Nach Protest der österreichischen Bundesregierung sagte die damalige slowakische Regierung eine weitere UVP mit transparenter Offenlegung der technischen Bedingungen vor Inbetriebnahme der Reaktoren zu. Die Einbeziehung der Öffentlichkeit bei der Inbetriebnahme gab es dann auch, aber von transparenter Offenlegung der technischen Daten konnte nicht die Rede sein. Seitenweise geschwärzte Einträge machten eine professionelle Bewertung unmöglich. Wir boten der Bevölkerung mit der Veröffentlichung der Originaldokumente auf unserer Website die Möglichkeit, sich selbst eine Meinung zu bilden. Zusammen mit Unterstützung aus Österreich (Windkraft Simonsfeld) und einer slowakischen JuristInnen-Organisation klagten wir 2017 auf Herausgabe der ungeschwärzten Dokumente, das Verfahren ist noch im Laufen.

Im Herbst 2018 bestätigt ein geleakter Bericht der Vereinigung der Betreiber von Nuklearanlagen (WANO) grobe Sicherheitsmängel auf der Baustelle der Reaktoren 3 & 4, vor denen am Projekt beteiligte Bauingenieure bereits seit Jahren warnen.

Im Februar 2019 konnten wir ungehindert eine Drohne über den Luftraum der slowakischen Botschaft in Wien fliegen lassen. Damit wollen wir symbolisch die Unsicherheit des AKW Mochovce zeigen. In der Nähe des slowakischen Atomkraftwerks verlaufen mehrere Flugrouten, der Hochrisikoreaktor ist bei einem Verkehrsflugzeug-Absturz nicht ausreichend gesichert, denn er ist maximal auf den Aufprall eines kleinen (Sport-)Flugzeugs ausgelegt. Wir sehen keine Gründe, warum in der Slowakei das Risiko eines absichtlichen oder zufälligen Aufpralls eines großen Verkehrsflugzeugs geringer sein sollte als in anderen Regionen der Welt. So sieht die tschechische Gesetzgebung den Sicherheitsnachweis gegen eine unrechtmäßige Verwendung eines Verkehrsflugzeugs vor. Die slowakische Atomaufsicht UJD betonte zwar, dass im Ernstfall „adäquate Maßnahmen“ - sprich militärische Verteidigung des Atomkraftwerks - durchgeführt würden, deren Details aber aufgrund der Terrorgefahr geheim seien. Wie auf gängigen Internetseiten ersichtlich, sind aber direkte Vorbeiflüge von Verkehrsflugzeugen am Atomkraftwerk Mochovce üblich, die Reaktionszeit also nicht ausreichend für militärische Einsätze.

Kampfjet wenige Minuten nach Mochovce abgestürzt

Am 28. September 2019 stürzte en voll bewaffneter Kampfjet der slowakischen Luftwaffe wenige Minuten nach Mochovce ab - selbst wenn man davon ausgeht, dass die MiG extrem langsam unterwegs war - mit Minimalgeschwindigkeit von 260 km/h - hat sie die Strecke bis zum Absturzort in 41 km Entfernung vom AKW in maximal neun Minuten zurückgelegt.

Aufprall und Explosion eines bewaffneten Kampfjets im Kernbereich der Anlage hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit katastrophale Auswirkungen für die gesamte Region und Mitteleuropa. Die Sicherheit der veralteten Reaktoren in Mochovce gegen absichtliche oder unabsichtliche Flugzeugabstürze ist eindeutig nicht gegeben. Im 21. Jahrhundert ist die Inbetriebnahme eines weiteren Uralt-Reaktors ohne ausreichendes Sicherheitskonzept vollkommen inakzeptabel.

Schwerwiegende Baumängel mehrmals bestätigt

Aufgrund der Enthüllungen von GLOBAL 2000 und mehreren Whistleblowern kam es im Herbst zu einer internationalen Überprüfung der Anlage – die Prüfberichte wurden noch nicht veröffentlicht.

Ende November bestätigte ein leitender Ingenieur der Betreibergesellschaft erstmals gegenüber GLOBAL 2000, dass bei den Bauarbeiten wichtige Rohrleitungen im Mochovce-Reaktor beschädigt wurden, darunter Notkühlleitungen direkt neben dem Reaktordruckbehälter. Da über 250.000 Löcher in die hermetischen Kammern gebohrt wurden, ist eine vollständige Offenlegung und Plausibilitäts-Prüfung aller Bohr-Protokolle durch ein internationales Prüfer-Team gefordert – die vorgelegte Dokumentation ist nicht vertrauenswürdig, wie auch ein Statik-Ingenieur bestätigt.

Laufend berichten uns mehrere Whistleblower – teils hochrangige Ingenieure mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bau und Betrieb von Atomkraftwerken - von immer neuen Pannen, fehlerhaften Bauarbeiten unter mangelnder Kontrolle des Managements und der slowakischen Atomaufsicht und der Entdeckung von schwerwiegenden Problemen – zuletzt mussten 454 Kilometer (!) beschädigte und mangelhafte Signalkabel ausgewechselt werden, die aufgrund von Interferenzen beim „Heißtest“ der Anlage 2019 verhinderten, dass Anlagen angesteuert werden konnten. Daher ist das geplante Inbetriebnahme-Datum für Reaktor 3 für das zweite Quartal 2020 vollkommen unrealistisch.

Wieso fordert GLOBAL 2000 das Aus für Mochovce?