Pestizid-Omnibus der EU: Angriff auf Umweltschutzgesetze

Unter dem Vorwand des Bürokratieabbaus werden auf EU-Ebene derzeit wichtige Gesetze geschwächt. Besonders betroffen ist das Pestizidrecht: Statt regelmäßiger Überprüfungen könnten potenziell gefährliche Wirkstoffe künftig unbefristet zugelassen werden. Außerdem droht die Verwendung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse eingeschränkt zu werden. Für Österreich steht viel auf dem Spiel: Die Deregulierung gefährdet unser Trinkwasser ebenso wie Landwirtschaft und Artenvielfalt.

Worum geht es beim Pestizid-Omnibus?

Der Pestizid-Omnibus ist ein Gesetzespaket der Europäischen Kommission, das mehrere bestehende Regelwerke im Bereich Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit gleichzeitig anpassen soll. Im Zentrum steht dabei die Verordnung (EG) Nr. 1107/2009, die die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln in Europa regelt.

Unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus könnte die EU das Pestizidrecht grundlegend verändern. Wissenschaftler:innen und NGO-Expert:innen sehen darin eine Schwächung zentraler Schutzmechanismen, die bisher sichergestellt haben, dass Risiken für Mensch und Umwelt regelmäßig neu bewertet werden. Im Kern geht es beim Pestizid-Omnibus um die Frage, unter welchen Bedingungen Pestizidwirkstoffe in der EU zugelassen, überprüft und gegebenenfalls wieder verboten werden.

Collage: Justitia-Statue mit EU-Flagge
Pixabay, Canva

Der Pestizid-Omnibus könnte die Regeln für Pestizide in Europa grundlegend verändern – mit weniger Kontrollen und längeren Zulassungen.

Welche Änderungen sind konkret geplant?

  1. Unbegrenzte Zulassung von Pestizidwirkstoffen: Der Vorschlag sieht vor, Pestizidwirkstoffe künftig zeitlich unbegrenzt auf EU-Ebene zuzulassen. Regelmäßige Überprüfungen wären nur noch in Ausnahmefällen vorgesehen. Die meisten derzeit zugelassenen Wirkstoffe würden dadurch automatisch unbefristet genehmigt.
  2. Weniger Berücksichtigung neuer Wissenschaft: Der Kommissionsvorschlag würde verhindern, dass Mitgliedstaaten neue wissenschaftliche Erkenntnisse bei Pestizidmittel-Zulassungen berücksichtigen. Maßgeblich wären nur noch ältere EU-Bewertungen – auch dann, wenn inzwischen neue Risiken bekannt geworden sind.
  3. Lockerungen bei gefährlichen Stoffen: Der Kommissionsvorschlag will Ausnahmen ausweiten und große Schlupflöcher insbesondere für hormonschädigende Stoffe (endokrine Disruptoren) schaffen.
  4. Aufweichung von „biologischem Pflanzenschutz“: Auch synthetische Stoffe könnten als „biologisch“ gelten: Künftig soll laut Kommissionsvorschlag schon eine bloße strukturelle Ähnlichkeit mit Naturstoffen genügen. Damit könnten auch synthetische Pestizide erstmals unter die Kategorie „biologischer Pflanzenschutz“ fallen.

Fazit: Der Pestizid-Omnibus ist mehr als eine technische Anpassung von Gesetzestexten. Er berührt grundlegende Fragen darüber, wie die EU mit Risiken für Umwelt und Gesundheit umgeht und welche Rolle wissenschaftliche Vorsorge in der Gesetzgebung spielt.

 

Bürokratieabbau oder Deregulierung zugunsten großer Konzerne?

Offiziell wird der Pestizid-Omnibus mit dem Ziel begründet, Verfahren zu vereinfachen, Innovation zu fördern und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Landwirtschaft zu stärken. Diese Argumente sind jedoch nur ein Vorwand, um den Profitinteressen großer Konzerne entgegenzukommen - auf Kosten von Umwelt und Gesundheit.

Logo Kettensäge stoppen!

GLOBAL 2000

Nicht nur im Pestizidrecht gibt es Angriffe auf wichtige Schutzstandards. Auch andere Bereiche wie Arbeit, digitale Rechte oder Umweltschutz sind betroffen. Deshalb gibt es in Österreich die Plattform Kettensäge stoppen!external link, opens in a new tab, die aufzeigt, wie der vermeintliche Bürokratieabbau in Wahrheit die Errungenschaften des Green Deals und unsere Rechte bedroht.

Portrait Magdalena Pitzer

"Ein Abbau von Schutzstandards im Pestizidrecht bedeutet keinen Fortschritt – sondern ein Risiko für Umwelt und Gesundheit, das wir nicht einfach in Kauf nehmen dürfen. Davon profitieren vor allem große wirtschaftliche Akteure der Agrar- und Chemieindustrie, während Umwelt, Landwirtschaft und die Gesundheit der Bevölkerung die langfristigen Folgen tragen würden.“

Magdalena Pitzer, EU-Umweltpolitik-Expertin bei GLOBAL 2000

Was bedeutet das für Österreich?

Frau greift im Supermarkt in ein Obstregal und nimmt einen Apfel

shutterstock

Für Österreich hätte der Pestizid-Omnibus konkrete Auswirkungen, insbesondere im Bereich Umwelt- und Gesundheitsschutz. Besonders relevant sind dabei Trinkwasser, Böden und Biodiversität & Artenvielfalt, die bereits heute durch intensive Landwirtschaft belastet sind. 

Immer wieder zeigt sich, wie wichtig regelmässige Überprüfungen und Forschung sind - oft werden Folgen von Pestiziden erst viel später sichtbar. PFAS-Pestizde führen zum Beispiel zu TFA im Trinkwasser: einem Abbauprodukt, das fortpflanzungsschädigend sein kann.

Wenn sich die EU-Regeln verändern, haben nationale Behörden weniger Spielraum, um notwendige Maßnahmen zu setzen oder auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu reagieren. 

Politischer Prozess: Aktueller Stand

Der Vorschlag der EU-Kommission befindet sich derzeit im europäischen Gesetzgebungsprozess. Er wird sowohl im Europäischen Parlament als auch im EU-Rat der Mitgliedstaaten diskutiert und anschließend in sogenannten Trilog-Verhandlungen final verhandelt.

Der Pestizid-Omnibus wurde ohne umfassende Folgenabschätzung und ohne breiten öffentlichen Beteiligungsprozess vorgelegt. Das wird von vielen Beobachter:innen als problematisch angesehen, da gerade in diesem Politikbereich wissenschaftliche und gesellschaftliche Abwägungen besonders zentral sind.

Die gute Nachricht: Noch ist nichts beschlossen.

Der Entscheidungsprozess, wie Europas Pestizidregeln in Zukunft sein werden, läuft genau JETZT. Nun ist öffentlicher Druck auf politische Entscheidungsträger:innen gegen die Deregulierungs-Bestrebungen besonders wichtig – sowohl auf nationaler Ebene in Österreich als auch auf EU-Ebene.

Um unser Wasser, unser Essen und damit unsere Gesundheit vor gefährlichen Chemikalien zu schützen, brauchen wir entsprechende gesetzliche Regelungen. Weniger Regeln bedeutet auch weniger Sicherheit. 

Unterschreiben Sie jetzt unsere Petition. Helfen Sie mit, unser Recht einzufordern - für eine gesunde, giftfreie Zukunft.

FAQ

Eine zentrale Institution im europäischen Zulassungssystem ist die European Food Safety Authority (EFSA). Sie bewertet, ob Wirkstoffe in Pestiziden aus wissenschaftlicher Sicht als sicher gelten. Ein wichtiger Bestandteil des aktuellen Systems ist die regelmäßige Neubewertung von Wirkstoffen in bestimmten Abständen. Dadurch können neue wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt werden, wenn sich das Verständnis von Risiken weiterentwickelt.

Profiteure des Pestizid-Omnibus sind vor allem große Agrar- und Chemiekonzerne. Unternehmen wie Bayer, Syngenta oder Corteva haben großes Interesse an längeren Zulassungen ihrer Produkte und weniger regelmäßigen Überprüfungen.

Zugleich weist GLOBAL 2000 auf den starken Einfluss von Lobbygruppen in Brüssel hin. Die Interessen großer Unternehmen werden im Gesetzgebungsprozess oft deutlich stärker vertreten sind als jene von Umwelt- und Gesundheitsorganisationen, siehe dazu auch den Lobbying-Report.

Nein. Der Vorschlag befindet sich derzeit im EU-Gesetzgebungsprozess. Er wird im Europäischen Parlament und im EU-Rat verhandelt und anschließend im Trilog finalisiert.