Junge Kuh

GLOBAL 2000: Herr Schlatzer, in Ihrer Publikation „Tierproduktion und Klimawandel“ beziehen Sie sich auf eine Studie der FAO. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Viehzucht am Treibhauseffekt deutlich größer ist als der des gesamten Verkehrssektors.Können Sie uns sagen, wie es zu diesen Zahlen kommt und wie sie sich zusammensetzen?

Schlatzer: Tierproduktion hat prinzipiell einen großen Einfluss auf den Klimawandel. 18 Prozent aller weltweiten Treibhausgase gehen auf den Tierproduktionssektor zurück. Es gibt dazu eine aktuelle UNEP-Studie, in der Achim Steiner zwei Bereiche nennt, die kritisch in Punkto Klimawandel sind. Zum einen den Energieproduktionssektor und hier vor allem die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Zum anderen die Landwirtschaft, insbesondere den Tierproduktionssektor. Von den entstehenden Treibhausgasen durch den Tierproduktionssektor gehen 35 Prozent auf Entwaldung und Wüstenbildung zurück, 31 Prozent auf die Düngemittelproduktion, 27 Prozent auf die mikrobielle Verdauung der Wiederkäuer, sechs Prozent auf die Futtermittelproduktion und ein Prozent auf Verarbeitung und Transport.

GLOBAL 2000: Das Worldwatch Institute kommt bei seiner Berechnung sogar auf 51 Prozent. Wie kommt es zu den unterschiedlichen Zahlen und was halten Sie für realistisch?

Schlatzer: Bei der Studie von Goodland und Anhang gibt es ein paar Faktoren, die sie zurecht berücksichtigt haben und ein paar Faktoren, die man kritisch beäugen kann. Erstens haben sie einen höheren Tierbestand angenommen. Es dürfte bei der FAO-Studie eine Unterschätzung des Tierbestandes vorliegen. Der zweite große Aspekt ist, dass CO2-Senken einberechnet wurden, welche durch die Tierproduktion wegfallen. Damit sind die Flächen gemeint, die jetzt für Weidehaltung und Futtermittel verwendet werden und deswegen bspw. nicht in Form von Wäldern CO2 aufnehmen können. Das ist ein fehlender Faktor bei der FAO-Studie, den man berücksichtigen muss. Es gibt gerade eine aktuelle Studie für die Treibhausgasemissionen der Rinderproduktion, bei der die CO2-Senken auch mitkalkuliert wurden. Dabei haben sich die CO2-Werte von Rindfleisch gleich verdreifacht. Man hat bei der Studie des Worldwatch Institute allerdings auch die Atmung der Tiere einberechnet, die normalerweise als CO2-neutral gilt. Des Weiteren haben sie auch eine andere Bemessungsgrundlage für Methan herangezogen. Das kann man natürlich machen, aber es ist nicht gebräuchlich. Ich würde sagen, dass 51 Prozent etwas zu übertrieben und 18 Prozent das Minimum sind. Meiner Einschätzung nach könnte der Tierproduktionssektor bis zu einem Drittel ausmachen.

GLOBAL 2000: Die FAO-Studie wurde 2006 publiziert. Wie erklären Sie es sich, dass Tierproduktion von den politischen AkteurInnen (und in der öffentlichen Meinung) nach wie vor nicht so ernst genommen wird wie bspw. der Verkehr?

Schlatzer: Von wissenschaftlicher Seite gibt es sehr viele Studien und Statements. Ich denke, solche Entwicklungen brauchen Zeit. Der öffentliche Diskurs hat jetzt gerade begonnen. In vielen Fachzeitschriften erscheinen Artikel zu dem Thema und es wird immer mehr in den Fokus gerückt. Jonathan Safran Foer hat mit "Tiere essen" in der Trivialliteratur für Furore gesorgt und in Amerika eine Vegetarier-Diskussion ausgelöst, die sich auch auf Europa ausgebreitet hat. Wenn die Politik das wahrnimmt, kann sie natürlich auch darauf reagieren. Aber wie gesagt, die Diskussion hat gerade erst begonnen. Beim Verkehr hat die Debatte ja schon vor fast 20 Jahren angefangen. Momentan gibt es natürlich auch noch viele Interessenskonflikte.

GLOBAL 2000: Wie zufrieden sind Sie eigentlich als Ernährungsökologe mit den Ergebnissen des letzten Klimagipfels in Cancún?

Schlatzer: Die Ergebnisse waren wie erwartet - relativ dürftig. Es wurden keine verbindlichen Maßnahmen gesetzt, keine verbindlichen Ziele, es wurde lediglich der Konsens, dass man die Klimaerwärmung mit 2°C begrenzen will, bestätigt. Es fehlen aber die Pakete. Es dürfte jetzt sogar eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls im Raum stehen, aber da geht es ja nur um eine Verringerung der Treibhausgas-Emissionen der Vertragsstaaten von 2008 bis 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent gegenüber 1990. Was wir brauchen ist eine deutliche Einsparung von 30 Prozent bis 2020 und 50 bis 80 Prozent bis 2050. Bis Ende des Jahrhunderts sollten wir komplett auf erneuerbare Energien umgestiegen sein.

GLOBAL 2000: Nehmen wir an, es geschieht nichts und die Fleischproduktion steigt wie prognostiziert, was wären die anfallenden Kosten?

Schlatzer: Es gibt dazu zwei interessante Studien. Die eine ist von Nicholas Stern, dem ehemaligen Weltbankchef und jetzigen Chefökonomen der britischen Regierung. Er sagt, dass bei Nichthandeln die volkswirtschaftlichen Verluste durch den Klimawandel bei fünf bis 20 Prozent des globalen Bruttoinland-Produkts (BIP) liegen, das wären also bis zu 5.500 Mrd. Euro/Jahr. Dem gegenüber stehen die Kosten, um die schlimmsten Auswirkungen zu vermeiden. Die würden sich auf ein Prozent beschränken, also ca. 300 Mrd. Euro. In einer neueren Einschätzung sprach Stern aber schon von zwei Prozent pro Jahr, aufgrund des rascher fortschreitenden Klimawandels. Dann gibt es noch eine niederländische Studie, die zu dem Schluss gekommen ist, dass man bis 2050 bei einer Reduktion des Fleischkonsums, Klimafolgekosten im Ausmaß von 20 Billionen US Dollar an finanziellen Kosten zur Stabilisierung des Klimas einsparen könnte, bei einer veganen Ernährung sogar 32 Billionen US Dollar.

Mag. Martin Schlatzer ist Ernährungsökologe und arbeitet am Institut für Ethik und Wissenschaft im Dialog an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien im Bereich Interdisziplinäre Ernährungsethik/Sustainable Nutrition. Er ist außerdem Projektmitarbeiter am Institut für Meteorologie auf der Universität für Bodenkultur. Im Frühjahr 2011 erscheint die zweite Auflage von Schlatzers Buch „Tierproduktion und Klimawandel“.

GLOBAL 2000

Der zweite Teil des Gesprächs erscheint am 01.03.2011 und wird weitere ökologische Folgen der Tierproduktion, Prognosen für 2050 und Empfehlungen für Politik und Individuum zum Thema haben.

(von Barbara Glattauer)