Publikation, 17.05.2021

Bienenfreundliche Pflanzen im Test

Wie bienenfreundlich sind als "bienenfreundlich" gekennzeichnete Pflanzen wirklich? Wir haben empfohlene Pflanzen auf Pestizidrückstände getestet.

Baumärkte, Lagerhäuser, Gartencenter und kleine Gärtnereien dürfen endlich wieder ihre Ware verkaufen und emsige Hobby-GärtnerInnen stehen bereits Schlange, um ihren Garten in ein Blütenmeer zu verwandeln. Wie wichtig Nahrungsangebote für Insekten auch im eigenen Garten sind, ist bei vielen Menschen schon angekommen, darum boomen "bienenfreundliche" Blumen im Handel mehr denn je.

Gekennzeichnet werden damit oft Pflanzenarten, die bei Pollensammlern besonders beliebt sind, wie beispielsweise Lavendel, Phlox und Vergissmeinnicht.

Cover Test: Giftfalle bienenfreundliche Pflanzen

Doch die Sorte alleine macht eine Pflanze noch nicht insektenfreundlich, denn mindestens genauso wichtig ist es, dass die Nahrungsspender ohne Pestizide gezogen wurden, die gefährlich für Bienen und Schmetterlinge sind.

Aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit dem BUND 35 "bienenfreundliche" Pflanzen in Österreich und Deutschland unter die Lupe genommen. Untersucht wurden Pflanzen, die entweder sichtbar mit einem Label als „bienenfreundlich“ oder „insektenfreundlich“ gekennzeichnet waren, von VerkäuferInnen als Bienenweiden empfohlen wurden, oder allgemein als attraktiv für Bienen bekannt sind. Insgesamt wurden 20 Pflanzen in Österreich und 15 in Deutschland eingekauft und durch ein akkreditiertes Labor auf Pestizidrückstände untersucht.

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40 % mit hoch-bienengiftigen Pestiziden belastet

Das Ergebnis unserer Untersuchung ist ernüchternd. Auf fast allen Pflanzen konnten Pestizidrückstände nachgewiesen werden. 40 % der Pflanzen waren mit für Bienen hochgiftigen Insektiziden belastet. Von bienenfreundlich also keine Spur.

Außerdem wurden auf ebenfalls 40 % Pestizide gefunden, die in der EU nicht zugelassen sind, darunter auch ein extrem bienengiftiges Neonicotinoid. Wie kann das sein? Die Ergebnisse weisen auf problematische Doppelstandards hin, nämlich dass einerseits EU-Mitgliedstaaten über Importe von Produkten nicht mehr zugelassene Pestizide einführen und andererseits, dass europäische Herstellerfirmen in Europa nicht mehr zugelassene Mittel in anderen Ländern verkaufen und dort die Gesundheit von Menschen und die Umwelt gefährden. 

31 Pflanzenproben (89 %) wiesen zwei oder mehr Pestizide auf. Bei einem Viertel aller Pflanzen wurden sogar 10 oder noch mehr Wirkstoffe gefunden. Mit 19 Pestiziden führt die Pflanze Männertreu (Lobelia) von Der Holländer Pflanzencenter die traurige Spitze der Anzahl an Rückständen an, gefolgt von einer Phlox (18) von Baldur-Garten sowie Lichtnelken (17) von Hagebau Lieb und Köcherblümchen (17) von Dehner.

Männertreu Pflanze  Phlox
Lichtnelke  Köcherblümchen

Diese Pestizidcocktails sind besonders problematisch, da sich die Giftigkeit einzelner Substanzen in den Mischungen noch deutlich erhöhen kann. Diese Wechselwirkungen zwischen Pestiziden sind noch nicht ausreichend untersucht und auch nicht Teil des Zulassungsverfahrens. Vorhandene Studien zeigen aber eindeutige Hinweise auf verstärkende Effekte. So ist etwa bekannt, dass das Neonicotinoid Thiacloprid – das auf 3 Proben nachgewiesen wurde - in Mischungen mit bestimmten anderen Pestiziden um ein Vielfaches (bis zu 500-mal) bienengiftiger ist, als es für sich genommen schon wäre.

Warum ist das ein Problem?

Bestäuber wie Honigbienen und Wildbienen, aber z.B. auch Schmetterlinge, Schwebfliegen, Wespen oder Käfer, spielen eine Schlüsselrolle in unseren Ökosystemen. Sie bestäuben nicht nur rund 70 % der weltweit meistgehandelten Nahrungspflanzen, sondern sind generell lebensnotwendige Verbündete für viele Pflanzenarten und außerdem wichtig als Nahrungsgrundlage für räuberische Säugetiere, Vögel, Amphibien, Reptilien und andere. Ihr weltweiter Rückgang bedroht daher sowohl die biologische Vielfalt als auch die Ernährungssicherheit für uns Menschen.

Die toxische Wirkung von Pestiziden auf Bienen und andere Bestäuber hat sich in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt, wie neue Forschungsergebnisse zeigen. Die höhere Toxizität von neuen Pestizidwirkstoffen überwiegt dabei auch ihre vergleichsweise geringeren Aufwandmengen pro Hektar. Drei Insektizidwirkstoffe mit besonders hoher Toxizität für Bienen sind die Neonicotinoide Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam. Ihre Letalität für Honigbienen ist bis zu siebentausend Mal höher als jene des heute weltweit verbotenen Insektizids DDT. DDT wurden aufgrund ihrer Bienengefährlichkeit 2018 in der gesamten EU stark eingeschränkt und teilweise wurde die Zulassung ganz entzogen.

Was können Sie tun?

Die Bezeichnung "bienenfreundlich" oder "insektenfreundlich" sagt leider nichts über die Produktion der Pflanzen aus, gekennzeichnet werden hier lediglich Arten, die von Bienen und oder Schmetterlingen etc. bevorzugt angeflogen werden.

  • Achten Sie deshalb beim nächsten Pflanzenkauf auf das EU-Biosiegel. Pflanzen, die biologisch gezogen werden, enthalten keine chemisch-synthetischen Pestizide und sind somit wirklich insektenfreundlich.
  • Oder noch besser: Ziehen Sie Ihre Pflanzen selbst - eine Anleitung dazu finden Sie hier: Pflanzen vorziehen
  • Unterstützen Sie GLOBAL 2000 im Kampf gegen bienengiftige Pestizide: Jetzt spenden

Wir fordern Schutz von Bestäubern

Um das dramatische Insektensterben zu stoppen, muss der Pestizideinsatz weltweit reduziert und besser geregelt werden. GLOBAL 2000 und der BUND fordern daher:

  • Verbot von hoch insektengefährdenden Pestiziden bei der Produktion von bestäuberfreundlichen Pflanzen
  • Durchgängiges Importverbot für Pflanzen, die Pestizide enthalten oder denen Pestizide anhaften, die in der EU nicht zugelassen sind
  • Verbot der Zulassung von chemisch-synthetischen Pestiziden für den Haus- und Kleingarten
  • Förderung der biologischen Zierpflanzenproduktion und der heimischen Jungpflanzenzucht
  • Systematische staatliche Kontrollen von Pestizidrückständen auf Zierpflanzen (inklusive Jungpflanzen), insbesondere von importierter Ware
  • Erarbeitung von staatlichen Aktionsplänen zum Schutz von Bestäubern
  • Einführung von systematischen, staatlichen Bestäubermonitorings inklusive der Erstellung von aktuellen Gefährdungslisten („Rote Listen“)
  • Reform des europäischen Zulassungsverfahrens für Pestizide. Langzeiteffekte, Kombinationswirkungen und die Auswirkung auf sensible Arten müssen zukünftig bei der Zulassung von Wirkstoffen berücksichtigt werden
  • Einführung von strengeren Kriterien für den „europäischen Pflanzenpass“: Transparente Herkunft und Handelswege, beginnend bei der Produktion von Samen und Jungpflanzen

Biene auf Vergissmeinnicht