Ja. Nach der Tschernobyl-Katastrophe erreichten radioaktive Wolken auch Österreich. In vielen Regionen wurden erhöhte Strahlenwerte gemessen, besonders betroffen waren Lebensmittel wie Milch, Pilze und Wildprodukte. In einigen Gegenden Österreichs gilt das noch heute, bei Wildschweinen und Schwammerln kommt es noch immer zu Grenzwertüberschreitungen.
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Die Atomkatastrophe von Tschernobyl
Was passierte vor 40 Jahren beim Atomunfall in Tschernobyl? Der 26. April 1986 veränderte die Leben vieler Menschen für immer - es war die die bisher größte Nuklearkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Die Auswirkungen des Super-GAUs (Größter anzunehmender Unfall) sind bis heute spürbar und hatten den Beginn des Ausstiegs aus Atomkraft zur Folge.
Die Atomkatastrophe von Tschernobyl – Eine Chronologie der Katastrophe
Ehemaliges Atomkraftwerk Tschernobyl
Freitag, 25. April 1986
Der Tag vor der Katastrophe: Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl wird für die jährliche Revision langsam heruntergefahren. Im Zuge dessen ist ein Experiment an einem der beiden Turbinengeneratoren geplant: Untersucht werden soll, wie sich ein Stromausfall auf den Reaktorbetrieb auswirken würde, und ob die Rotationsenergie des auslaufenden Generators zur Notstromerzeugung genutzt werden kann.
Samstag, 26. April 1986
Es ist kurz vor halb zwei Uhr nachts: Das eigentliche Experiment beginnt im Atomkraftwerk. Noch ahnt niemand, dass sich die größte Nuklearkatastrophe der Menschheit in wenigen Minuten ereignen wird.
1:23 Uhr: Durch das Schließen der Turbinenschnellschlussventile beginnt der eigentliche Test. Der Wasserzufluss im Reaktor verringert sich schlagartig. Die Leistung des Reaktors steigt rasant. Eine unkontrollierte Kettenreaktion setzt ein.
Schichtleiter Aleksandr Akimov löst sofort manuell die Notabschaltung des Reaktors aus. Dazu werden alle zuvor aus dem Kern entfernten Steuerstäbe wieder in den Reaktor eingefahren. Doch durch die an den Spitzen der Stäbe angebrachten Graphitblöcke dringt der Stab tiefer in den Kern ein. Innerhalb von Sekundenbruchteilen überschreitet die Leistung das Hundertfache des Nennwertes. Die Brennelemente schmelzen. Der gefürchtete Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall, tritt ein.
Innerhalb weniger Sekunden ereignen sich zwei Explosionen, wodurch die 1.000 Tonnen schwere Abdeckplatte des Reaktorkerns gesprengt wird und das Dach des ganzen Gebäudes aufreißt. Eine große Menge an radioaktiver Materie wird in die Umwelt freigesetzt.
Ein fatales Experiment führt zum Super-GAU
Eine 42 Mann starke Truppe versucht, den Brand zu löschen, der sich mittlerweile ausgebreitet hat. Schwarzer Ruß fällt wie Regen auf die Helfer. Was die Helfer zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Der Ruß ist hoch radioaktiv – die Arbeiter werden diese Nacht nur um wenige Wochen überleben. Durch den Unfall werden 30- bis 40-mal so viel radioaktive Strahlung wie durch die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki freigesetzt. Langsam dreht der Wind und nimmt die radioaktive Rauchwolke mit in Richtung Nordwesten – ins Baltikum und nach Skandinavien – und weiter nach Westeuropa und nach Österreich.
4:30 Uhr: Akimov meldet an die Behörden, dass der Reaktor intakt sei und nur gekühlt werden muss. Aufgrund dieser Information aus dem Atomkraftwerk beschließen die Behörden, die nur drei Kilometer entfernte Stadt Pripjat nicht zu evakuieren. Eine fatale Fehlentscheidung. 49.000 Menschen leben in der Stadt. Bei Tagesanbruch erwacht das Städtchen, die Kinder gehen wie immer in die Schule, die Erwachsenen zur Arbeit.
Sonntag, 27. April 1986
Die Blöcke 1 und 2 werden abgeschaltet. Über dem Reaktor von Block 4 werfen Hubschrauber Tonnen verschiedenster Materialien wie zum Beispiel Bor, Dolomitgestein, Bleibarren, Sand und Lehm ab, um den Brand einzudämmen und um die Freisetzung von Radioaktivität zu verringern. Erst jetzt beginnt die Evakuierung der Stadt Prypjat - viel zu spät. Alle Wohngebiete in einer 30 Kilometer-Zone um Tschernobyl sollen geräumt werden. Über 70 Ortschaften im Gebiet Kiew und im weißrussischen Gebiet Gomel werden aufgegeben. Nur wenige Habseligkeiten dürfen mit. Insgesamt sind über 85.000 Menschen von der Evakuierung betroffen.

Montag, 28. April 1986
In dem schwedischen Kernkraftwerk Forsmark, über 1200 Kilometer entfernt, wird aufgrund erhöhter Radioaktivität auf dem Gelände automatisch Alarm ausgelöst. Messungen an der Arbeitskleidung der Angestellten ergeben erhöhte radioaktive Werte. Da allerdings die schwedischen Anlagen als Verursacher ausgeschlossen werden können, richtet sich der Verdacht aufgrund der aktuellen Windrichtung gegen die Atomkraftwerke der Sowjetunion. Zur selben Zeit wird auch in Österreich und der Schweiz erhöhte Radioaktivität gemessen. Wind und Regen tragen die Radioaktivität nach Westeuropa, die Öffentlichkeit ist alarmiert.
In Schweden schrillen Alarmglocken
Doch Moskau leugnet die Atomkatastrophe. Von einem Unfall könne keine Rede sein. Luft und Wasser rund um Kiew seien sauber, es bestehe keine Gefahr, beteuert der Kreml.
Dienstag, 29. April 1986
Erst drei Tage nach dem Super-GAU wird in sowjetischen Quellen von einer Katastrophe sowie von zwei Todesopfern berichtet. Internationale Medien berichten ausführlicher über den Unfall. Einen Tag später wird im sowjetischen Fernsehen ein retuschiertes Foto vom Unglücksort gezeigt. Auch nach einer Woche brennt der Reaktor noch. Immer neue Einsatzkräfte und Helfer werden zum Atomkraftwerk gebracht. Die Kühlung funktioniert nur langsam und die glühende Reaktormasse droht den Beton durchzuschmelzen. Jeder Arbeiter von den sogenannten Liquidatoren hat nur wenige Sekunden Zeit, um einige Schaufeln mit Schutt vom Dach des Atomkraftwerks zu werfen, sonst ist die Strahlenbelastung zu groß. 400 Bergleute werden eingesetzt, um den Reaktor zu untertunneln. Damit wird ein provisorisches Kühlsystem mit Stickstoff errichtet. Erst am 6. Mai, zehn Tage nach der eigentlichen Katastrophe, geht die Freisetzung von Spaltprodukten zurück.
Zwei Wochen nach der Reaktorkatastrophe
Der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, nimmt das erste Mal öffentlich Stellungnahme zu dem Unfall und betont in einem Fernsehinterview, dass es sich um außergewöhnliche Ereignisse handelt. Die Opfer der Katastrophe werden mit keinem Wort erwähnt. Bis heute verharmlost die Regierung in Moskau den GAU und behauptet, der Unfall sei überschaubar gewesen. Viele Menschen, die als Feuerwehrleute die Brände im Atomkraftwerk löschen mussten oder als Liquidatoren den Betonsarkophag um die explodierte Reaktorhalle bauten, starben sofort oder kurze Zeit nach ihrem Einsatz. Die anderen von den geschätzten 600.000 Menschen, die an den Aufräumarbeiten beteiligt waren, erkranken wenig später an Krebs.
Radioaktive Strahlung nach dem Super-GAU von Tschernobyl
- Durch unterschiedliche Windrichtungen und Wetterbedingungen wurde radioaktives Material in einer Wolke über ganz Europa verteilt. Auf dem Boden entstand ein radioaktiver Fleckenteppich - je nachdem, wo sich das radioaktive Material abregnete.
- Der radioaktive Niederschlag ging am stärksten in Weißrussland, der Ukraine und Russland nieder, aber zur Hälfte auch im Rest von Europa.
- Die radioaktiven Niederschläge waren bis in die USA und Japan messbar.
- Mehrere Länder mussten aufgrund der radioaktiven Verstrahlung in der Landwirtschaft Lebensmittel für den Verzehr sperren lassen, insbesondere Milch. Auch heute noch ist Schaf-Fleisch in Wales oder Rentier-Fleisch in Skandinavien so stark radioaktiv belastet, dass es nicht verzehrt werden darf.
Die Auswirkungen von Tschernobyl - bis heute
Eine ganze Region unbewohnbar
Tschernobyl liegt im Norden der Ukraine, nahe der Grenze zu Belarus, etwa 100 Kilometer von Kiew entfernt. Die nächstgelegene Stadt Pripjat wird auf hunderte Jahre unbewohnbar bleiben. Rund um den Reaktor befindet sich eine 30 Kilometer große Sperrzone, die bis heute streng bewacht wird. Insgesamt war ein Gebiet von mehr als 200.000 Quadratkilometer stark betroffen. Zu dem Gebiet zählen heute die Ukraine, Weißrussland sowie Russland. Mehr als 100.000 Menschen wurden umgesiedelt. Viele Gebiete sind noch immer stark belastet, doch scheint etwa Weißrußland dies bewusst zu verschleiern
Folgen von Tschernobyl für Österreich
- Als unmittelbare Maßnahmen wurden 1986 in Österreich primär Kontrollen im Nahrungsmittelbereich gesetzt, wie ein Verkaufsverbot für Grüngemüse, Schaf- und Ziegenmilch bzw. Käse sowie Zisternenwasser. Außerdem gab es ein Importverbot für Nahrungsmittel aus hoch belasteten Agrarproduktionsländern, ein Verbot des Wildabschusses sowie Fütterungspläne in der heimischen Landwirtschaft. Unterschiedliche Maßnahmen und Messkontrollen liefen erst 1987 aus. Neben Ausreißern - so traten etwa bei Milch aus dem Dorfertal in Osttirol vereinzelt bis in das Jahr 1992 Grenzwertüberschreitungen auf - sind Waldfrüchte und Schwammerln noch belastet, Wildschweine werden oft nicht für den Verzehr freigegeben.
- Nach Weißrussland war Österreich mit 13 % seiner Gesamtfläche weltweit am zweitstärksten von der hohen Cäsium-Belastung der Tschernobyl-Katastrophe betroffen.
- Auch radioaktives Jod traf Österreich stark.
- Eine Studie zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Tschernobyl kommt zum Schluss, dass in Österreich mit 1.600 Todesopfern aufgrund der Folgen der Reaktorkatastrophe zu rechnen ist.
- Auch der Anstieg bestimmter Krebskrankheiten wie Leukämie oder Schilddrüsenkrebs lassen sich auf die Nuklearkatastrophe zurückführen. Neue Daten zeigen einen Anstieg von Schilddrüsenkrebsfällen in Österreich, ähnlich wie vergleichbare Studien in anderen Ländern. 8 % bis 40 % der erhöhten Schilddrüsenkrebs-Fälle in Österreich nach 1990 sind wahrscheinlich aufgrund der Tschernobyl-Katastrophe aufgetreten.
Todesfälle und Krebserkrankungen durch Tschernobyl in den Nachbarländern
- Viele Menschen, die als Feuerwehrleute die Brände im Atomkraftwerk löschen mussten oder als Liquidatoren den Betonsarkophag um die explodierte Reaktorhalle bauten, starben sofort oder kurze Zeit nach der Atomkatastrophe.
- Viele andere von den geschätzten 600.000 Menschen, die an den Aufräumarbeiten beteiligt waren, erkrankten an Krebs.
- Studien zeigen eine 20 bis 30 % Erhöhung der Kindersterblichkeit in der betroffenen Region in der Ukraine und in Weißrussland.
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Die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl-Katastrophe betreffen bis heute Millionen von Menschenexternal link, opens in a new tab: geschätzt 830.000 sogenannte „Liquidatoren“, mehr als 350.000 Evakuierte aus der 30-km-Zone und anderen stark kontaminierten Gebieten, etwa 8,3 Millionen Menschen in stark radioaktiv belasteten Regionen in Russland, Belarus und der Ukraine, rund 600 Millionen Menschen in anderen Teilen Europas, die geringeren Strahlendosen ausgesetzt waren.
- Insbesondere in der Ukraine wurden viele Menschen durch die Aufnahme von radioaktivem Jod durch kontaminierte Milch verstrahlt. Folge davon sind auch heute noch erhöhte Schilddrüsenkrebsraten. GLOBAL 2000 hilft krebskranken Kindern seit 31 Jahren mit Medizin und medizinischer Betreuung im Projekt Kinder- und Umwelthilfe Ukraine.
Die Sicherung der Reaktorruine: eine teure Herausforderung

Blick auf den alten Sarkophag um das AKW Tschernobyl
Nach der Tschernobyl-Katastrophe wurde die zerstörte Reaktorruine notdürftig mit einem Beton-„Sarkophag“ abgedeckt. Diese Hülle war von Anfang an nur als Übergangslösung gedacht und wurde im Laufe der Jahrzehnte durch Strahlung und Witterung zunehmend instabil und undicht. Durch Risse drangen jährlich große Mengen Regen- und Schmelzwasser ein, wodurch radioaktiver Staub aus dem Inneren nach außen gelangen konnte. 2013 kam es sogar zu einem teilweisen Einsturz eines Dachs.
Um die anhaltende Gefahr einzudämmen, wird eine neue Schutzhülle errichtet, die die Anlage für mehrere Jahrzehnte sichern und einen mit Robotern ferngesteuerten Rückbau ermöglichen soll.
Die Kosten dafür sind enorm: Allein die neue Hülle kostet rund 1,5 Milliarden Euro, das gesamte Projekt über 2 Milliarden – weitere Ausgaben für Rückbau und Entsorgung kommen noch hinzu.
Im Februar 2025 schlug eine russische Drohne in die Hülle ein und reduzierte die Sicherheitsfunktion, wie die IAEA bestätigte, wobei es aktuell zu keinen Freisetzungen gekommen ist.
Allgemein ist festzuhalten, dass die Aufräumarbeiten des verunfallten Reaktors 4 in den letzten 40 Jahren praktisch keinerlei Fortschritt erzielten. Reaktor 4 stellt weiterhin eine Gefahr dar und nur durch Aufwendung massiver Mittel durch die internationale Gemeinschaft (über die EBRD) wurde und wird die Hülle aufrechterhalten.
Für sichere Energie - für ein sicheres Österreich
5 Gründe gegen Atomkraftwerke
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Atomkraftwerke bergen das Risiko schwerer Unfälle wie bei der Tschernobyl-Katastrophe oder der Fukushima-Katastrophe, die großflächige radioaktive Schäden und gesundheitliche Folgen verursachen können.
- Das Problem des Atommülls ist ungelöst: Hochradioaktive Abfälle bleiben über Hunderttausende Jahre gefährlich, ohne sichere Endlagerlösung.
- Atomkraft ist extrem teuer – vom Bau über den Betrieb bis zur Entsorgung – und oft nur mit staatlicher Unterstützung möglich.
- Der Bau neuer Atomkraftwerke dauert zu lange, um rechtzeitig zur Bewältigung der Klimakrise beizutragen.
- Statt Unabhängigkeit zu schaffen, führt Atomkraft zu neuen Abhängigkeiten von Uranimporten aus politisch instabilen Regionen.
Risiko Uralt-Reaktoren
Viele bestehende Reaktoren - rund um Österreich - haben ihre Betriebsdauer bereits überschritten und mit zunehmendem Alter steigt das Risiko von Störungen oder Unfällen, siehe z.B. das AKW Krsko. Statt Laufzeiten immer wieder zu verlängern, fordern wir dringend die Abschaltung! Unterstützen Sie uns jetzt - für ein sicheres Österreich.
Q&A
Tschernobyl liegt im Norden der Ukraine nahe der Grenze zu Belarus, rund 100 Kilometer von Kiew entfernt. Dort ereignete sich 1986 der schwerste Atomunfall der Geschichte im dortigen Kernkraftwerk.
Ja, ein sehr heißes Thema sogar. Mit massiven Förderungen aus Steuergeld sollen wieder eine “nukleare Renaissance” eingeleitet werden, einige Länder haben Atokraftwerk-Neubauten angekündigt, einige der Maßnahmen für AKWs werden auf Kosten der Erneuerbaren Energien sein.
Befürworter verweisen auf CO₂-arme Stromproduktion und Versorgungssicherheit. Kritiker hingegen betonen hohe Kosten, lange Bauzeiten, Unfallrisiken und das ungelöste Problem der Entsorgung radioaktiver Abfälle und dennoch sollen neue Atomkraftwerke erbaut werden: Die Atom-Lobby propagiert weiterhin dafür und für Politiker:nnen scheint Atomkraft eine einfach Lösung zu sein.
Ein wirksamer Ansatz ist es, öffentliche Förderungen für neue Atomkraftwerke zu stoppen. GLOBAL 2000 setzt sich daher für eine Klage Österreichs gegen staatliche Beihilfen für neue AKW ein. Ein wichtiger Erfolg wurde bereits 2025 beim Projekt Paks II erzielt, als der Europäischer Gerichtshof die Genehmigung entsprechender Beihilfen aufgehoben hat. Ein ähnliches Vorgehen ist auch bei geplanten Atomkraftwerken in Polen möglich.
Für alle AKW gilt: Das Restrisiko ist immer da. Die Reaktoren rund um Österreich sind bereits sehr alt und einige auch recht nah, etwa Dukovany und daher können Unfälle nie ausgeschlossen werden.










